Was versteht man unter Phytotherapie?

15. Februar 2021 — von Daniela Diepold

Pflanzen spielen eine wichtige Rolle: als Nahrungslieferanten, als Gewürze, als Genussmittel oder als Mittel gegen Krankheiten. Die moderne Phytotherapie setzt die Heilkräfte von Pflanzen (Phyton, gr. = Pflanze) in medizinischen Präparaten ein und stützt sich dabei auf naturwissenschaftliche Grundlagen.

Über Jahrtausende hinweg führte das Prinzip »Versuch und Irrtum« zu wichtigen Erkenntnissen über die Wirkungen von Pflanzen. Dabei wurden die überlieferten Rezepte stetig verfeinert.

Die Herkunft von Morphin, Atropin und Digitoxin

Erst im 19. Jahrhundert setzte eine wissenschaftliche Betrachtungsweise der Heilpflanzen und ihrer Inhaltsstoffe im heutigen Sinn ein. Mittels chemischer Arbeitsmethoden wurden, einzelne Wirkstoffe aus den Pflanzen isoliert. So konnte aus dem Schlafmohn (Opium) das Morphin, aus der Tollkirsche das Atropin und aus dem roten Fingerhut das Digitoxin isoliert werden. Diese Stoffe sind aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken. Durch die chemische Isolierung reiner Wirkstoffe aus Giftpflanzen konnte das Problem der riskanten, nicht immer genau bestimmbaren Dosierung, umgangen werden. Es wurde möglich, einzelne Wirkstoffe in Tabletten, Tropfen oder Salben exakt zu dosieren und sie wie synthetisch Hergestellte anzuwenden.

Definition von Phytotherapie

Phytotherapie bedeutet per Definition die Therapie und Prophylaxe mit Arzneimitteln pflanzlicher Herkunft, den sogenannten Phytopharmaka. Phytopharmaka enthalten als wirksame Bestandteile ausschließlich Pflanzen bzw. Pflanzenteile oder Produkte pflanzlicher Herkunft wie Balsami, Resinae, oder Aetherolea. Es gibt Monopräparate und Kombinationspräparate, nie aber isolierte Reinsubstanzen.

Was sind Pflanzenteile?

Kleine Pflanzenkunde: Herba = Kraut: alle oberirdischen Pflanzenteile, Flos = Blüte, Folium = Blatt, Semen = Samen, Fructus = Frucht, Cortex = Rinde, Lignum = Holz, Radix = Wurzel, Rhizoma = unterirdischer Spross

Die Dosis macht das Gift

Phytopharmaka haben meist eine große therapeutische Breite. Es besteht eine Differenz zwischen der Dosis, bei der die gewünschte Wirkung eintritt und der Dosis, bei der starke unerwünschte Nebenwirkungen auftreten (Überdosierung). Pflanzliche Arzneimittel verursachen meist weniger Nebenwirkungen als synthetisch hergestellte Arzneimittel. Sie sind aber nicht nebenwirkungsfrei. Phytopharmaka enthalten Gemische verschiedener Wirkstoffe, die zusammen eine Einheit bilden. Die Kombination der Wirkstoffe ist oft wirksamer als bei Reinsubstanzen, da es andere bzw. mehrere Zielbereiche gibt. Es gibt synergistisch bzw. antagonistisch wirkende Stoffe.

Leitsubstanzen sind für die Wirksamkeit relevant

Leitsubstanzen sind chemisch definierte, analytisch gut erfassbare Drogeninhaltsstoffe. Sie sind für die Wirksamkeit des Präparats relevant. Die quantitative Erfassung dieser Substanzen dient der analytischen Kontrolle eines Präparates. Als Aussage über die therapeutische Qualität des Präparats gilt: Präparate mit gleichem Gehalt an Leitsubstanzen, müssen auch vergleichbare Wirkungen besitzen.

Wirkstoffe von Arzneipflanzen und Phytopharmaka

Für die vielfältigen Wirkungen von Arzneipflanzen sind nur wenige chemische Stoffklassen verantwortlich. Innerhalb dieser Gruppen entscheiden oft kleinste Unterschiede in der chemischen Struktur, welche Wirkung im Organismus im Vordergrund steht.

Ätherische Öle Ätherische Öle verleihen vielen Pflanzen ihren charakteristischen Duft. Äußerlich angewendet führen sie zu einer Anregung der Durchblutung; innerlich fördern manche die Sekretion von Verdauungssäften (Gewürze!), andere werden auch durch die Lunge wieder ausgeschieden und regen somit die Bronchialsekretion an (Husten).

Bitterstoffe Bitterer Geschmack führt zu einer vermehrten Bildung von Verdauungssäften. Hungergefühl stellt sich ein, die Nahrung kann besser verwertet werden. Gerbstoffe Sie wurden früher verwendet, um tierische Haut zu Leder zu gerben. Medizinisch angewendet können sie entzündetes Gewebe oberflächlich unempfindlich gegen Bakterien machen und so Schleimhautentzündungen und Durchfälle lindern.

Saponine Ihre chemische Struktur verleiht ihnen seifenähnliche Eigenschaften (sapo = lat. Seife). Abhängig von der komplizierten chemischen Struktur können sie bei Husten (z. B. Primel, Efeu), zur Anregung der Nierentätigkeit (z. B. Goldrute, Hauhechel), aber auch zur Venenstärkung (Rosskastanie) eingesetzt werden.

Schleimstoffe Pflanzenschleime legen sich wie eine schützende Schicht über entzündete Schleimhäute; deshalb werden viele Pflanzen mit Schleimen zur Hustenreizlinderung eingesetzt (z. B. Eibisch). Stark quellende Pflanzenschleime (z. B. Flohsamen) finden auch als milde Abführmittel Anwendung.

Flavonoide Obwohl diese gelb gefärbten Stoffe (flavus = lat. gelb) in beinahe allen Pflanzen vorkommen, können manche Pflanzen aufgrund entsprechender Mengen an speziellen Flavonoiden auch therapeutisch eingesetzt werden: Weißdorn bei Herzschwäche, Mariendistel bei Leberschäden, die Flavonoide der Kamille wirken krampflösend, jene der Birkenblätter harntreibend.

Oft liegen mehrere dieser Stoffgruppen in einer Pflanze kombiniert vor, die Wirkungen ergänzen einander. So ist für die spezifische verdauungsfördernde Wirkung der Kamillenblüten das Zusammenspiel von ätherischem Öl (entzündungshemmend) und Flavonoiden (krampflösend) ausschlaggebend.

Auf einen Blick

  • Die Wirkung der Phytopharmaka beruht auf bestimmten Pflanzeninhaltsstoffen: diese chemischen Wirkstoffe greifen an bestimmten Rezeptoren im Organismus an oder führen auf physikalische Weise zu einem Effekt.
  • Dosis – Wirkungsbeziehung: Zum Erzielen eines therapeutischen Effekts ist eine Mindestdosis erforderlich; bei Unterdosierung tritt keine Wirkung auf, bei extremer Überdosierung können unerwünschte Wirkungen eintreten.
  • Pflanzliche Arzneimittel stellen, auch wenn sie nur aus einer einzigen Pflanze hergestellt werden, ein Vielstoffgemisch dar.
  • Die Qualität der angewendeten Arzneimittel ist mit medizinisch- naturwissenschaftlichen Methoden überprüfbar.

In den nächsten Artikeln zum Thema Phytotherapie werden einzelne Heilpflanzen näher besprochen.